Harninkontinenz bei Demenzerkrankungen

Welchen Einfluss hat Demenz & nachlassende geistige Fähigkeiten auf die Blase?
Im Alter nachlassende geistige Fähigkeiten oder eine Demenzerkrankung können sich auf die Kontrolle der Blase negativ auswirken. Für eine Kontrolle der Blase sind drei wesentliche Faktoren notwendig. Die Fähigkeit den Blasenfüllstand wahrzunehmen, die Entleerung der Blase auch bei vorhandenem Harndrang hinauszögern zu können, bis die Gelegenheit günstig und die Örtlichkeit passend sind, und schliesslich das Vermögen, die Entleerung willentlich einzuleiten und vollständig auszuführen. Viele Demenzerkrankungen gehen mit einem Funktionsverlust von Gehirnarealen einher. Neben den Arealen für Gedächtnis und Wahrnehmung sind mit Fortschreiten der Erkrankung auch die den Harntrakt kontrollierenden Zentren betroffen. Das Muster der Schädigung ist von Patient zu Patient verschieden, es können prinzipiell alle Funktionen betroffen sein, die Wahrnehmung der Blasenfüllung ebenso wie die Schliessmuskel- und Blasenkontrolle. Meist entwickeln sie die Defizite über einen Zeitraum von Monaten bis Jahren. Zu Beginn können kann die Harninkontinenz durch allerlei Tricks und Kniffe kompensiert oder zumindest verdeckt gehalten werden. Mit Fortschreiten der Erkrankung kommt es bei vielen Patienten zu einem sichtbaren Kontrollverlust der Harnausscheidung. 

Urologisch-medizinische Therapien müssen geistigen Fähigkeiten mit einbeziehen

Spätestens bei offensichtlichen Inkontinenzproblemen sollte eine Abklärung der Blasenfunktion erfolgen. Dabei sind neben den urologisch-medizinischen Untersuchungsbefunden auch die geistigen Fähigkeiten der oder des Betroffenen mit einzubeziehen. So können auch für gesunde Menschen banal anmutende Dinge mit nachlassenden geistigen Fähigkeiten im Alter oder bei einer Demenzerkrankung zu einer Harninkontinenz führen, obwohl vielleicht der Harntrakt normal funktioniert. Betroffene vergessen, wo sich die Toilette befindet oder wie man sie bedient, sind nicht in der Lage die, sich der Kleidung in angemessener Zeit zu entledigen oder erkennen eine weisse Toilette nicht vor dem Hintergrund einer weissen Fliessenwand. Nicht selten kann die oder der Betroffenen die an sich vorhanden Wahrnehmung einer vollen Blase nicht einordnen oder vergisst einfach die Toilette aufzusuchen. Da eine volle Blase enormen Stress verursachen kann, geraten Betroffene oft aus äusserlich nicht ersichtlichen Gründen in Aufregung, weil sie den Grund für das Unwohlsein nicht erkennen und das Problem nicht aus eigener Kraft lösen können. So liegt es auf der Hand, dass bei nachlassenden geistigen Fähigkeiten oder einer Demenzerkrankung eine Behandlung des rein urologischen Problems allein nicht genügt und eine zusätzliche Verhaltenstherapie nötig ist. 

Hilfestellung bei Demenz-bedingtem Urinverlust ohne Blasenstörung

Erster Schritt einer Abklärung ist die Beobachtung der Blasensituation durch eine Bezugsperson, zum Beispiel mit Hilfe eines Trink- und Entleerungsprotokoll über einige Tage. Bei einem unfreiwilligem Harnverlust kann die Menge des Harnverlustes durch das Wiegen einer Vorlagen oder Windeln abgeschätzt werden. Tritt nur gelegentlich eine Harninkontinenz auf, können einfache Hilfestellungen wie das Erinnern an einen Toilettengang oder das Begleiten zur Toilette in regelmässigen Abständen schon ausreichend sein. Nachts kann ein um zwei oder drei Uhr gestellter Wecker in der Verbindung mit einer Urinflasche oder eines Schiffchens am Bett einen Urinverlust am frühen Morgen verhindert. Für solche Hinweise oder Hilfestellungen in angenehmer, motivierender Art kommuniziert, sind viele Betroffenen sehr dankbar. 

Untersuchungsempfehlung bei Demenz und einer Störung der Blasenfunktion

Liegt dem unfreiwilligem Harnverlust jedoch eine Störung der Blasenfunktion zu Grunde, so sind diese einfachen Massnahmen meist nicht ausreichend und weitere Abklärungen empfehlenswert. Anhand des Tagebuchs kann der Urologe einen ersten Eindruck über die Situation am Tage und in der Nacht gewinnen. Weitere offene Fragen werden in einem ersten Gespräch am besten in Anwesenheit einer nahen Bezugsperson abklärt. Der Urin wird auf das Vorliegen einer Infektion untersucht. Einen orientierenden Eindruck von der Blasenfunktion gewinnt der Arzt bei einer Harnstrahlmessung. In dieser Untersuchung wird das entleerte Harnvolumen und die Stärke des Harnstrahl gemessen. Anschliessend kann per Ultraschall kontrolliert werden, ob die Blase vollständig entleert wurde oder ob ein sogenannter Restharn in der Blase verblieb. Zeigen sich in dieser unkompliziert und schmerzfreien Untersuchung, so ist eine Blasenfunktionsuntersuchung empfehlenswert, die sogenannte urodynamische Messung. Eine solche Untersuchung ist etwas aufwendiger, aber unter den Augen eines erfahrenen Untersuchers gelingt es meist, die zugrundeliegende Störung zu identifizieren. In der urodynamischen Untersuchung werden die Funktion von Harnblase und Schliessmuskel überprüft. Für den untersuchenden Arzt gilt es, während der Untersuchung nach charakteristischen Befunden zu fahnden, so etwa ein reduziertes Harndranggefühl, ein geringeres Fassungsvermögen der Blase und möglicherweise einen durch einen überaktiven Blasenmuskel bedingten unfreiwilligen Urinverlust. 

Therapieoptionen

Liegen diese Befunde vor, so kann zusammen mit der oder dem Betroffenen und seinen Bezugspersonen über eine Lösung des Inkontinenzproblems nachgedacht werden. Dabei ist es bei den meisten Betroffenen nicht mit einer einzelnen Massnahme getan, schliesslich handelt es sich um vielschichtiges Problem, das medizinische und persönliche Aspekte mit einschliesst. Das Vertrauen in die Behandlung, die Einsicht in die Notwendigkeit und die Kooperation des Betroffenen sind sehr wichtig, ebenso wie die Information und Einbindung der Angehörigen oder Bezugspersonen. Neben einer Behandlung mit Arzneimitteln kommt meist auch einer Anpassung der Lebensumstände und einer Verhaltenstherapie ein grosse Bedeutung zu. Auch die Blasenfunktion begleitende Faktoren gilt es zu berücksichtigen, so bei Frauen eine Blasen- oder Gebärmuttersenkung und bei Männern eine möglicherweise vergrösserte Prostata. Für die Dämpfung der überaktiven Blase werden sogenannte Anticholinergika eingesetzt. Bei der Einnahme gilt es mögliche Nebenwirkungen im Auge zu behalten, so zum Beispiel eine Verschlechterung des Sehens, eine Verstopfung oder auch Unruhe und Verwirrtheit. Viele Betroffene klagen zudem über eine sehr störende Mundtrockenheit. Die Medikamente bewirken eine Vergrösserung des Fassungsvermögens der Blase, die Häufigkeit des Toilettengangs reduziert sich und ermöglicht eine bessere Kontrolle der überaktiven Blase. Ergänzend sind regelmässige Erinnerungen an die Blasenentleerung oder eine Begleitung zur Toilette in festgelegten Zeitabständen hilfreich und können die Häufigkeit eines unfreiwilligen Harnabgangs reduzieren. Unter Umständen kann nach einer Testphase die Verwendung von Vorlagen oder Windeln verzichtet werden. Sind Anticholinergika nicht ausreichend wirksam oder werden nicht gut vertragen, so kommt eine Injektionsbehandlung der Blase mit Botulinumtoxin in Frage. Dieser kurze und unkomplizierte Eingriff unter örtlicher Betäubung kann die Harninkontinenz bei neun von zehn Betroffenen über eine Zeitraum von bis zu neun Monaten effektiv beherrschen. Grössere Operationen wie etwa einer Gebärmuttersenkung bei Frauen oder der Prostata bei Männern sollten gut überlegt sein, das Risiko des Eingriffs und der daraus zu erwartende Nutzen für die oder den Betroffenen sollten in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. 

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