Das im Inneren der Wirbelsäule gelegene Rückenmark verbindet
als eine Art Kabelstrang die Steuerzentren des Gehirns mit den Armen, Beinen
und inneren Organen. Im Rückenmark verlaufen einige hunderttausend
Nervenbahnen, die Informationen einerseits vom Gehirn in den Körper und
andererseits von dort zurück in das Gehirn transportieren. Wird das Rückenmark
an irgendeiner Stelle beschädigt, so werden auch Nervenbahnen in
Mitleidenschaft gezogen und der Informationsfluss in beide Richtungen gestört.
In diesem Falle spricht man von einer Querschnittlähmung, diese kann komplett
(alle Nervenbahnen im Rückenmark sind durchtrennt) oder inkomplett (ein Teil
der Nervenbahnen ist weiter durchgängig) sein. Eine Querschnittlähmung kann angeboren oder erworben sein.
Die angeborene Querschnittlähmung ist meist auf eine Fehlbildung der
Wirbelsäule und der Rückenmarkshäute zurückzuführen, eine sogenannte Spina
bifida. Bei dieser Erkrankung verschließt sich der Wirbelkanal im Lenden- und
Kreuzbeinbereich unvollständig, und Nervenbahnen werden geschädigt. Bei der
erworbenen Querschnittlähmung unterscheidet man traumatische (nach Unfall oder
Operationen der Wirbelsäule) von nicht-traumatischen Ursachen (Schlaganfall
oder Entzündung des Rückenmarks, Bandscheibenvorfall).
Bei jeder Querschnittlähmung besteht mit hoher
Wahrscheinlichkeit eine Blasenfunktionsstörung, die sich durch mehrere Symptome
bemerkbar macht: Gestörtes oder fehlendes Gefühl für die Blasenfüllung,
fehlende oder unvollständige Blasenentleerung, Harninkontinenz. Als Akutphase
ist der Zeitraum anzusehen, bis der Blasenlähmungstyp erkennbar ist und ein
mittelfristiges Therapiekonzept erstellt werden kann. In dieser Phase des
„Spinalen Schock" ist die Harnblase in der Lage Urin zu speichern, jedoch
nicht zu entleeren. Ohne sofortige urologische Maßnahmen entstehen
Überlaufinkontinenz mit Überdehnung der Harnblase und Infektionen der Harnwege.
Es droht die Nierenfunktionsstörung. In der Frühphase der Querschnittlähmung
steht die Vermeidung von Frühkomplikationen wie Blasenüberdehnung,
Harnwegsinfektion, Steinbildung und Harnröhrenschäden als Voraussetzung für ein
erfolgreiche Blasenrehabilitation im Mittelpunkt der neurourologischen
Therapie. Die Rehabilitation der Blase bei Querschnittlähmung dient der
Klassifikation der Blasenlähmung, dem Erfassen von Risikofaktoren und dem
Erstellen eines individuellen Speicher- und Entleerungskonzept. Hierzu dient
die neurourologische Untersuchung mit videourodynamischer Messung, meist
durchgeführt am Ende der Akutphase. Die Auswahl der verschiedenen
Therapiemöglichkeiten erfolgt unter Einbeziehung der Möglichkeiten und
Interessen der oder des Betroffenen und der Familie und Angehörigen. Die
neurogene Blasenfunktionsstörung ist kein statisches Geschehen, sie hat eine
Eigendynamik, die zu Veränderungen am unteren und oberen Harntrakt führen kann.
Aus diesem Grunde müssen Querschnittgelähmte lebenslang von einem
spezialisierten Neurourologen betreut werden. Das Ziel der neurourologischen
Langzeitbetreuung ist die risiko- und patientenorientierte, lebenslange,
regelmäßige Betreuung zur Erhaltung bzw. Wiedergewinnung von Lebensqualität und
Lebenserwartung. Aktivitäten des täglichen Lebens sollen von den Folgen der
Blasenlähmung so wenig wie möglich beeinflusst werden. Eine ausgeglichene
Blasenfunktion und die Erhaltung oder Wiederherstellung der Kontinenz tragen
entscheidend bei zur Verbesserung der Lebenserwartung und Verbesserung der
Lebensqualität Querschnittgelähmter.

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